„Früher war alles besser!“ – eine oft gehörte, aber irreführende Aussage. In der Vergangenheit war vieles anders, aber nicht zwangsläufig besser. Unsere Erinnerungen und veränderten Perspektiven färben den Blick in das Gestern. In diesem Text betrachten wir die Entwicklung der Land Rover und der damit verbundenen Lebensweise, ohne in politische oder allgemeine sozialkritische Betrachtungen abzudriften.

Thema «Elektronik»
Betrachten wir einmal die Fahrzeuge. Von der Serie One bis zum New Defender hat sich das Gesicht der Autos immer wieder deutlich verändert. Mit jeder Weiterentwicklung wurde es schwieriger, ohne Ausbildung als Mechaniker selber das Fahrzeug zu reparieren. Alles Neue war stets «nicht mehr so wie früher». Gott sei Dank, würde ich meinen!
Als ich vor gut zehn Jahren in den Schweizer Land Rover Club LRoS eintrat, war ich mit meiner «Buckelhaube», also den Land Rover Defender TD4 eine Lachnummer. Denn
- dieser 2.2 Liter Dieselmotor, 2011 im Defender eingeführt, basiert auf dem Ford Duratorq.
- Erzwungen war die Kooperation, weil sich mit den Land Rover Motoren die Abgasrichtwerte dieser Zeit nicht erfüllen liessen; und…
- …so voller Elektronik, dass man damit nicht in die Wüste kann (wie viel Prozent von uns fahren damit jemals in die Wüste oder mehrere Monate autark durch die Welt?)
Richtig. Er ist voll mit Sensoren und Technik – angefangen vom elektrischen Fensterheber (nur vorne), der Zentralverriegelung bis hin zu diversen Sensoren am Motor. Einen Airbag hat auch der moderne TD4 trotz aller Technik nicht.
Thema Technologie vs. Tradition
Tja, und dann kam das Aus des Defenders. Welch Qual! Doch gut für mich, denn plötzlich war auch die „Buckelhaube“ Teil der Gemeinschaft. Allerdings ein Teil der Gemeinschaft der Autos, die ihre Zeit hatten und von der Automobil-Bühne abtreten müssen. Aussterbende Dinosaurier – die Gralshüter der Ikone Defender – halten eben zusammen.
Doch dann kam ein gewiefter Ingenieur auf die Idee, den Defender weiterleben zu lassen. Nämlich als Ineos. Die Gralshüter freuten sich! So kann das kantige Gesicht des Defenders und damit dessen Erbe weiterhin auf den Strassen zu sehen sein.
Doch so schnell ging es nicht mit den Ineos. Land Rover war schneller und brachte den New Defender. Ach, was war das Geschrei gross: Voll mit Elektronik; hat nichts mehr mit Defender zu tun; gehört nicht zur Familie; ist doch ein Range Rover; sieht doch auch wie ein rundgelutschter Drops…
Als ich dann am mit einem «Neuen» am Swiss National war, Land Rover Schweiz hat mir einen Testwagen geliehen, war die Neugierde mindestens genauso gross wie das Geschimpfe. Heute ist er akzeptiert, wenn auch nicht uneingeschränkt geliebt. Heute ist es uns «Gralshütern» wichtig, dass wir eine Idee und eine Ideologie teilen. Nämlich zusammen eine Leidenschaft zu teilen, gerne an den Autos zu arbeiten oder Erlebnisse vom Schlamm oder aus der Ferne miteinander zu teilen. Ob nun wir nun eine Serie One mit ihren Schwierigkeiten oder der New Defender mit seinem neumodischen Auftritt fahren, wir sind eine Familie und es wird sich auch gegrüsst.
Thema «Camping»
Etwas Sozialkritik kommt jetzt schon. Denn in der Tat sind viele Dinge früher etwas einfacher gewesen, nicht besser. Am Club-Treffen bei Patrick wurde es mir anhand zweier Bilder klar:
10-jähriges Jubiläum des Clubs – Unter einer einfachen Zeltblache lagert die Familie auf dem Flugplatz von St. Stephan und trotzt Wind und Wetter. Die Campingutensilien liegen zusammengeräumt auf wenig Platz im halbtrockenen Bereich unter der Blache. Heute ist die Technik weiter. Heute bestaunen wir die elektrisch ausfahrbaren Dachzelte, wasserdichten Hubdächer oder Innenausbauten, die so mancher teurer Zürcher Wohnung gut stünde.
Ja, früher war es einfacher, aber nicht besser (auf gut Deutsch: Es war saukalt, saunass und saumässig unbequem – aber toll) aber vor allem war es ein Erlebnis seiner Zeit. Heute undenkbar.

Campsite auf der Ligurischen Grenzkammstrasse – Mehr oder weniger wild durcheinander, nah beieinander und zum Teil schräg stehend, waren die Fahrzeuge der Clubmitglieder auf dem Campingplatz. In Tat und Wahrheit war es nicht viel mehr als ein breiterer Grünstreifen am Fusse einer Festung. Vergleichen wir den Anblick von damals mit einem Campingplatz von heute. Heute steht jeder auf seiner zugewiesenen Parzelle. Die Autos so weit wie möglich auseinander und wie mit der Wasserwaage ausgerichtet.
Damals war es gemütlich, heute auch. Damals war es improvisiert, heute organisiert. Ein Grund von vielen: Die Betreiber der Ausflugsziele sind es leid, dass zu viele Ausflügler zu viel Natur zerstören. Damals waren es nur zehn Fahrzeuge alle paar Wochen, heute kommen jeden Tag zehn. Tolle Ziele werden so wortwörtlich kaputt-«touristiziert».
Fortschritt oder Diebstahl?
Ich bin der festen Überzeugung, dass wir viele Fortschritte gemacht haben, die uns helfen, ein besseres und gesünderes Leben zu führen. Einige dieser Fortschritte sind technischen Neuerungen zu verdanken (z.B. Katalysatoren, E-Mobilität, Steuerungen …), andere gesellschaftlichen Entwicklungen (z.B. mehr Achtsamkeit, Vielfalt aber auch mehr Individualismus).
Vieles, was wir damals lernen mussten, müssen wir heute nicht mehr. Doch diese Änderungen bedeuten oft den Verlust von Einfachheit. Die Moderne raubt uns ein Stück einfaches Dasein. War es früher besser? Hat man uns etwas geraubt?
Der Wunsch nach Perfektion?
Betrachten wir eine Camping-Küche im Land Rover vor 20 Jahren. Im Vergleich zu einem heutigen Model sieht sie aus, als sei es aus der Steinzeit. Oder ein Dachzelt früher ist mit einem von heute nicht zu vergleichen. Aber war es früher daher besser? Hat man uns etwas geraubt?
Ich glaube, wenn wir im Hier und Jetzt leben, der Zukunft mit guten Gedanken entgegensehen und offen für Neues sind, können wir respektvoll mit der Vergangenheit umgehen und sagen: „Was war das für eine tolle Zeit! Und was wird das morgen für eine tolle Zeit.“ Besinnen wir uns auf die Wurzeln, nehmen die Moderne an und arbeiten gemeinsam am Morgen. Das wäre mein Wunsch.

